Die Entstehung des Spiritismus

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Im Januar 1854 hörte der ehemalige Schüler Pestalozzis und in Paris ansässige französische Pädagoge, Hippolyte Léon Denizard Rivail, zum ersten Mal von den rückenden Tischen. Er nahm es zur Kenntnis, ohne sich für das Thema weiter zu interessieren. Nachdem er aber diverse Male in der Zeitung über das Phänomen gelesen und von mindestens zwei Freunden begeisterte Berichte darüber gehört hatte, nahm er 1855 die Einladung an, bei Frau Plainemaison an einer Sitzung zur Beobachtung des Phänomens teilzunehmen. Dort sah er zum ersten Mal, wie die Tische sich drehten, sprangen und durch den Raum glitten, ohne von einem der Anwesenden berührt zu werden. Er sah ebenfalls, wie einige von Geistwesen stammende Botschaften mithilfe einer an einem Korb befestigten Kreide auf eine Schieferplatte geschrieben wurden.

Rivail war noch weit davon entfernt, sich eine Meinung über jene eindrucksvollen Ereignisse zu bilden. Dennoch kommentierte er: “Bei jenen scheinbaren Nichtigkeiten und dem Zeitvertreib, den man daraus machte, ahnte ich etwas Ernstes, vielleicht die Offenbarung eines neuen Naturgesetzes. So habe ich mich fest dazu entschlossen, gründlich nachzuforschen.”

Wenig später trat eine Gelegenheit auf, die es Rivail ermöglichte, jenes Phänomen näher zu beobachten. Auf einer Sitzung bei Frau Plainemaison lernte er die Familie Baudin kennen. Herr Baudin lud ihn ein, an den in seinem Haus wöchentlich abgehaltenen Sitzungen teilzunehmen, von denen Rivail ein Stammgast wurde. Als Medien fungierten die beiden jungen Töchter des Ehepaares, nämlich die 16-jährige Caroline und die 14-jährige Julie. Der Korb mit der Kreide wurde auf eine Schieferplatte gestellt, die Mädchen legten ihre Finger auf dessen Rand und der Korb begann, sich zu bewegen und diverse Botschaften zu schreiben. Diese waren entweder spontane Texte oder Antworten auf die Fragen der Anwesenden, von denen einige mental gestellt wurden: ein klarer Hinweis auf die Manifestation fremder Intelligenzen. Wenn diese gefragt wurden, wer oder was sie seien, lautete ihre unverblümte Antwort: Geistwesen. Das heißt, Seelen von Menschen, die auf der Erde oder auf anderen materiellen Welten gelebt hatten und sich nun in der geistigen Welt befanden.

Bis zu seiner Teilnahme an den Sitzungen bei der Familie Baudin hatte Rivail noch kein bestimmtes Ziel. Doch bald bemerkte er die Wichtigkeit einer sorgfältigen Untersuchung, denn er erkannte anhand dieses Phänomens den Schlüssel zu zahllosen ungeklärten Ereignissen im Laufe der Menschheitsgeschichte, die eine wahre Revolution in der Einstellung und dem Glauben der Menschen auslösen würde.

So ging er zu jeder Sitzung mit einer Reihe von nach Themen geordneten Fragen, die das Leben auf der Erde und in der geistigen Welt betrafen und die von den Geistwesen immer mit Genauigkeit, Weisheit und Logik beantwortet wurden. Ohne vorgefasste Theorien zu formulieren, analysierte er gründlich die empfangenen Antworten, verglich sie miteinander und akzeptierte von den Geistwesen keine Erklärung, die nicht alle Aspekte des jeweiligen Themas klären konnte. Am Anfang beabsichtigte Rivail seine eigene Aufklärung. Sobald er aber sah, dass seine Fragen und die empfangenen Antworten ein Ganzes bildeten und die Gestalt einer Lehre annahmen, kam er auf die Idee, sie zu veröffentlichen, um sie für jedermann zugänglich zu machen.

Bei seinen Beobachtungen stellte er schnell fest, dass die Geistwesen – ebenso wie die Menschen – nicht gleich gebildet oder gleich weise sind. Dies bewahrte ihn vor dem Irrtum, an deren Unfehlbarkeit zu glauben und auf alles, was sie sagten, blind zu vertrauen. Dies verhinderte, dass er überstürzte Theorien aufstellte, die auf der Äußerung des einen oder anderen Geistwesens beruhte.

Im folgenden Jahr, nämlich 1856, begann Rivail auch den Sitzungen, die bei Herrn Roustan stattfanden, beizuwohnen. Dort erfolgte die Kommunikation mit Geistwesen durch ein junges Medium namens Ruth Japhet mit Hilfe eines Korbes.

Am Abend des 24. März 1856 schrieb Rivail im Arbeitszimmer seiner Wohnung einen Text über die Manifestation von Geistwesen, als er plötzlich Klopflaute in der Wand hörte. Zunächst schenkte er ihnen keine Aufmerksamkeit. Als sie aber lauter wurden, suchte er beide Seiten der Wand sorgfältig ab, um zu sehen, ob sie vielleicht von der anderen Etage kamen. Dabei fand er nichts. Kurios war, dass die Klopflaute – jedes Mal, wenn er deren Ursache zu suchen begann – aufhörten, um erneut anzufangen, sobald er sich hinsetzte und seine Arbeit wieder aufnahm. Insgesamt drei Stunden dauerten sie an.

Am nächsten Tag, auf einer Sitzung zur Kommunikation mit Geistwesen bei der Familie Baudin, nutzte Rivail die Gelegenheit, um ein Geistwesen nach der Ursache des Phänomens in seiner Wohnung zu fragen. Dabei erfuhr er, dass die Klopflaute von einem anderen Geistwesen verursacht worden waren, das ihm beistand. Mit diesem führte er dann einen kurzen Dialog. Es identifizierte sich als “die Wahrheit” und sagte, dass die Klopflaute ihn von einem Fehler im Text, den er gerade schrieb, abhalten sollten. Als Rivail später nach Hause ging, beeilte er sich, wieder zu lesen, was er geschrieben hatte. Und in der Tat stieß er in der Zeile 30 auf einen gravierenden Fehler, der ihn selbst erstaunte. Das Geistwesen, das sich als die Wahrheit identifizierte und der Führergeist Rivails zu sein behauptete, behielt Recht. Offensichtlich hatte es großes Interesse daran, dass er die Lehren und Erläuterungen der Geistwesen korrekt verstand. Kurze Zeit später begann es, am Ende jeder seiner schriftlichen Mitteilungen, die von Schreibmedien empfangen wurden, mit den Worten Geist der Wahrheit zu unterschreiben.

Ende April 1856 teilten die Geistwesen Rivail mit, dass sie ihn mit dem Auftrag betrauen würden, ihre Lehren zu veröffentlichen. Trotz der Warnung vor den mit diesen Aufgaben verbundenen Schwierigkeiten nahm er den Auftrag an. Als seine Arbeit größtenteils abgeschlossen war und die Ausmaße eines Buches angenommen hatte, beschloss Rivail, vor deren Veröffentlichung die von ihm gesammelten Informationen mit Hilfe anderer Medien der Analyse weiterer Geistwesen zu unterziehen. So kam er auf die Idee, das von ihm gesammelte, geordnete und kommentierte Material zu den Sitzungen bei Herrn Roustan mitzunehmen. Nach einigen Sitzungen sagten die Geistwesen, dass sie den Inhalt dieses Materials lieber in einem kleineren Kreis durcharbeiten würden, um alle Ergänzungen und Korrekturen vorzunehmen, die sie für notwendig hielten. Dazu setzten sie die Tage und Uhrzeit für die Sitzungen fest, auf denen nur Rivail und das Medium, Ruth Japhet, teilnehmen sollten, um eine ruhige Zusammenarbeit mit den Geistwesen – ohne die Indiskretionen und voreiligen Kommentare anderer Teilnehmer – zu ermöglichen.

Dennoch gab sich Rivail nicht mit dieser Überprüfung zufrieden. Da er andere Medien kannte, nutzte er jede Gelegenheit, um durch sie andere Geistwesen zu befragen, vor allem zu Themen, die ihm am heikelsten und schwierigsten erschienen. Danach verglich er die empfangenen Antworten miteinander und prüfte, ob sie übereinstimmten oder nicht. Über zehn Medien wurden bei dieser Arbeit eingesetzt.

Bei der Fertigstellung des Buches war sich Rivail nicht sicher, wie er es unterschreiben sollte. Da sein Name aufgrund seiner pädagogischen Bücher bereits bekannt war und mit diesen in Verbindung gebracht wurde, beschloss er, ein Pseudonym zu verwenden. So entschied er sich für Allan Kardec: den Namen, den er laut einem befreundeten Geistwesen in einem viele Jahrhunderte zurückreichenden früheren Leben gehabt hatte. Und zwar zu einer Zeit, wo er als Druide in Gallien (dem heutigen Frankreich) gelebt hatte.

Am 18. April 1857 veröffentlichte Rivail, der fortan nur noch als Allan Kardec bekannt werden sollte, die erste Auflage von Das Buch der Geister. Gleich am Anfang von dessen Einleitung schrieb er, dass neue Dinge mit einem neuen Namen benannt werden sollten, um Missverständnisse zu vermeiden. Dabei meinte er, dass das seit der Zeit des Hydesville- Phänomens verwendete Wort Spiritualismus unpassend war, um die Beziehung zwischen der materiellen und der geistigen Welt sowie die von den Geistwesen übermittelten Lehren zu bezeichnen. Denn Spiritualismus, so argumentierte er, hat eine eigene ursprüngliche Bedeutung: Der Glaube, dass es im Menschen mehr als nur Materie gibt, im Gegensatz zum Materialismus. So beschloss er, einen neuen Begriff zu erfinden, nämlich Spiritismus, abgeleitet aus dem lateinischen Wort Spiritus (Geist) und dem Suffix –ismus (Lehre).

Sechs Monate lang hielt Kardec mit einigen Anhängern des Spiritismus jeden Dienstag in seiner Wohnung Sitzungen zum Studium der spiritistischen Lehre, auf denen eine Jugendliche namens Ermance Dufaux das Hauptmedium war. Obwohl der Raum nicht mehr als 20 Personen fasste, drängten sich dort manchmal bis zu 30 Teilnehmer zusammen. Solche Sitzungen erweckten großes Interesse aufgrund der Seriosität aller Beteiligten und der dort behandelten Themen. Oft empfing Kardec in seiner Wohnung Adlige und andere prominente Persönlichkeiten aus diversen Ländern. Aufgrund der steigenden Anzahl von Besuchern aus ganz Frankreich und dem Ausland wurde bald das Zimmer, in dem die Sitzungen stattfanden, zu klein. So entschieden sich einige der regelmäßigen Teilnehmer, einen besser geeigneten Raum zu mieten. Somit gründete Kardec am 1. April 1858, praktisch ein Jahr nach der Erscheinung der ersten Auflage von Das Buch der Geister, die Pariser Gesellschaft für Spiritistische Studien (kurz: P.G.S.S.): den weltweit ersten offiziell eingetragenen spiritistischen Verein.

Der Spiritismus

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