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Vergessen der Vergangenheit

09/10/2017

Vergebens wendet man ein, das Vergessen hindere die Menschen daran, Erfahrungen aus vorangegangenen Leben zu nutzen. Wenn Gott es für angebracht hielt,  einen Schleier über die Vergangenheit zu werfen, dann hat das auch einen Sinn. In der Tat würde die Erinnerung folgenschwere Nachteile mit sich bringen. Sie könnte uns in bestimmten Fällen auf sonderbare Weise demütigen; oder den Stolz in uns erregen und dadurch unseren freien Willen beeinträchtigen. In all diesen Fällen würde sie unvermeidliche Störungen in unseren sozialen Beziehungen verursachen.

Der Geist wird oftmals in derselben Umgebung wiedergeboren, in der er schon gelebt hat; er nimmt wieder Beziehung zu denselben Menschen auf, um das Übel, das er ihnen angetan hat, wieder gutzumachen. Wenn er in ihnen diejenigen, die er gehasst hat, erkennen würde, würde sein Hass vielleicht wiedererweckt werden. Er würde sich jedenfalls vor den Menschen, die er beleidigt hat, erniedrigt fühlen.

Damit wir uns verbessern, gewährt Gott uns genau das, was wir brauchen und was uns genügt: die Stimme des Gewissens und die instinktiven Neigungen. Er erspart uns das, was uns schaden könnte.

Mit der Geburt bringt der Mensch das mit, was er sich erworben hat. Er kommt so auf die Welt, wie er sich selbst entwickelt hat. Jede Existenz ist für ihn ein neuer Ausgangspunkt. Seine Vergangenheit interessiert ihn nicht: Er ist bestraft, weil er eine Übeltat begangen hat. Seine gegenwärtigen schlechten Anlagen zeigen, wo er sich noch ändern muss. Darauf muss er seine ganze Aufmerksamkeit richten. Denn das, was man vollständig verbessert hat, würde keine Spur mehr aufweisen. Die guten Entscheidungen, die er getroffen hat, sind die Stimme seines Gewissens, die ihn auf das Gute und das Schlechte aufmerksam macht und ihm Kraft gibt, Versuchungen zu widerstehen.

Dieses Vergessen findet allerdings nur während des körperlichen Lebens statt. Wenn der Geist in sein immaterielles Leben zurückkehrt, erinnert er sich wieder an seine Vergangenheit. Folglich handelt es sich nur um eine vorübergehende Unterbrechung, ähnlich dem Zustand des Schlafes. Der Schlaf hindert uns dennoch nicht daran, am nächsten Tag uns an das zu erinnern, was wir am Vorabend und an vorangegangenen Tagen gemacht haben.

Es ist jedoch nicht so, dass der Geist die Erinnerung an seine Vergangenheit nur erst nach dem Tod wiedererhält. Man könnte sagen, dass er sie nie verliert: Denn die Erfahrung zeigt, dass sich der Geist während seiner Inkarnation in der Schlafphase des Körpers, in der er eine gewisse Freiheit genießt, seiner früheren Taten bewusst ist. Er weiß, weshalb er leidet und dass sein Leiden gerecht ist. Die Erinnerung erlischt nur während des äußerlichen Umgangs, aus seinem Leben. In Ermangelung einer genauen Erinnerung, die für ihn bestrafend sein könnte und seinem Sozialleben schaden würde, schöpft er aber neue Kräfte in den Augenblicken der Befreiung der Seele, sofern er diese auch zu nutzen weiß.

KAPITEL V –  Das Evangelium im Lichte des Spiritismus

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